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Willkommen

Durch die Wüste

Blut. Soviel Blut. Es rinnt durch den unteren Türspalt und färbt meine Schuhspitzen rot. Immer wieder muss ich daran denken, auch wenn das Blut längst getrocknet ist und meine Schuhe zerschlissen sind vom langen Marsch durch die Wüste.

Über uns kreisen die Geier. Den letzten Schluck aus der Wasserflasche bewahre ich für meinen Jungen auf. Er hält sich gut, stapft stumm und mit gesenktem Kopf durch den Sand. Wie tapfer er doch mit seinen fünf Jahren ist. Er versteht nicht, warum wir alles zurück gelassen haben, warum wir fliehen müssen, so schnell und so weit weg wie möglich. Aber er hat aufgehört Fragen zu stellen und geht immer weiter voran, ohne sich umzusehen. Nach Tripolis. Vorbei an dem Felsen, der sich am Horizont in den Himmel reckt. Ich hoffe die Richtung stimmt. Manchmal verschwimmt alles vor meinen Augen und flimmert. Der Felsen in der Ferne scheint zu zittern und zu beben.

Die Hitze ist kaum auszuhalten. Wir müssen unsere Kräfte einteilen. Aber wir dürfen auch die anderen nicht aus den Augen lassen. Es ist wichtig dass wir zusammen bleiben, dass wir einander nicht verlieren. Wenn wir schon alles andere verloren haben. Am schlimmsten ist die Angst, dass es noch nicht vorbei ist, dass er uns folgt und keine Ruhe gibt, bis er hat, was er will. Die Angst davor, dass diese Flucht nicht das Ende, sondern erst der Anfang ist. Ich weiß nicht wie lange ich das noch durchhalte. Es sind nicht nur die Ereignisse und Strapazen, es ist auch die Schwangerschaft, die mir zu schaffen macht. Wenn meine Berechnungen stimmen, dann müsste ich jetzt im fünften Monat sein. Das Gehen wird immer beschwerlicher, die Luft zum Atmen knapper, ich habe Hunger und Durst. Viel mehr als die anderen. Kein guter Zeitpunkt für ein zweites Kind. Hoffentlich bringe ich es durch die Wüste, hoffentlich übersteht es diesen kräftezehrenden Marsch. Ich habe schon den ganzen Tag keine Bewegung von ihm mehr gespürt. Hoffentlich schläft es nur.

Wenn wir einmal in Tripolis sind, wird alles wieder gut. Dann werden wir schon einen Weg finden, wir drei. Wir erholen uns, warten ab und sobald die Zeit gekommen ist, kehren wir wieder zurück. Vielleicht ja schon bald.


Diese verdammten Geier. Jeden Tag kreisen sie ein Stückchen tiefer über uns. Ich bin so durstig. Wo ist der Felsen hin? Eben war er doch noch da? Sind wir falsch gelaufen oder spielt mir die Hitze einen Streich? Meine Fußsohlen brennen. Mein Herz rast. Ich muss mich kurz ausruhen.

Tagsüber geht alles viel schwerer und langsamer voran. Nachts lässt es sich besser laufen, die Kühle ist angenehm, der Mond leuchtet die Dünen aus und die Sterne weisen uns den Weg. Aber nachts verbindet sich das Schweigen der Wüste mit der Schwärze des Himmels und die dunklen Flecken auf meinen Schuhen erinnern mich an das Blut. Ich höre wieder die Schreie der Sterbenden hinter der Tür, will ihnen helfen und weiß doch, dass es sinnlos ist. Wir müssen fliehen. Alle. So schnell und so weit weg wie nur möglich.

Weg! Nehmt die Hände weg von mir! Fasst mich nicht an!
Schwarze Gestalten zerren an mir, reißen mir den Umhang auf und das Tuch vom Gesicht. Sie wollen den Schlüssel! Er hat sie geschickt. Einer der Männer packt mich am Kinn und versucht mir den Kiefer aufzudrücken, aber ich presse den Mund zu, so fest es nur geht. Von mir werden sie nichts erfahren. Lieber sterbe ich, als unsere Geheimnisse preis zu geben! Was ist mit meinem Jungen? Was haben sie mit meinem Jungen gemacht? Das ist das Letzte was ich denken kann, bevor jemand meinen Kopf niederdrückt und mir Wasser einflößt. Erst will ich es ausspucken, doch dann trinke ich es. Gierig und immer gieriger lasse ich es durch meine ausgedörrte Kehle laufen und spüre mit jedem Schluck, wie durstig ich gewesen sein muss. Ich kann gar nicht aufhören zu trinken. Das Leben kehrt in mich zurück.

Leben und Klarheit. Jetzt sehe ich die vermummten Gestalten um mich herum genauer an – und erkenne sie wieder.
Diese Männer und Frauen sind mir vertraut. Es sind meine Freunde, meine Leidensgefährten. Sie haben sich in die Gewänder gehüllt, die uns Beduinen an der letzten Wasserstelle gegeben haben, genau wie ich. Lange Gewänder, zum Schutz vor der Sonne und den Sandwehen. Sie sehen mich mit ihren hellen Augen voller Sorge an. „Unser Wasser geht zur Neige.“ Sagen sie. „Und Essen haben wir auch keins mehr. Wir halten das noch durch. Aber du? Wie wirst du das bis Tripolis schaffen?"

Ich weiß es nicht, aber ich bin froh, wieder bei Sinnen zu sein und meinen lieben Jungen umarmen zu können. Er lacht, es geht ihm gut. Mit seinen kleinen, verschwitzten Händen reicht er mir getrocknete Datteln und mehrere Tage altes Brot.

„Das habe ich für meinen kleinen Bruder aufgehoben.“ Sagt er. „Damit er was zu essen hat, wenn er geboren wird. Aber wenn du willst, kannst du es haben, Mama."

Dafür küsse ich ihn auf seine staubigen Wangen.
Wir teilen uns das Essen. Dann hilft er mir aufzustehen, nimmt meine Hand und zieht mich die Düne hinauf. Die Haarspitzen, die unter seiner Kopfbedeckung hervor schauen, sind schneeweiß. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen, die Sonne hat sie ihm so ausgebleicht. Uns allen.

Am Horizont flimmert der Felsen, unser Wegweiser, viel größer als bisher. Es kann nicht mehr so weit sein bis Tripolis. Mir ist, als spürte ich eine Bewegung in meinem Bauch. Tripolis, denke ich und da bewegt sich wieder etwas. Ganz schwach nur, mit winzigen Kinderhänden, aber dennoch spürbar. Ganz so, als wollte es mich weiterschieben. Geh schon, Mama, geh voran!

Und ich gehe. Gezogen vom einen, geschoben vom anderen Kind. Weiter, immer weiter voran.
Später, als die Silhouette von Tripolis schon zu sehen ist, teilt sich unsere Gruppe. Einige wollen nicht bis in die Stadt mitkommen, sie glauben, dass es im Gebirge sicherer ist, wollen sich dort verstecken. Ohne mich, denn ich glaube, dass es keinen Ort gibt, an dem wir wirklich sicher sind. Egal wohin wir auch gehen, immer wird uns die Angst vor demjenigen begleiten, der uns vertrieben hat. Die Angst vor ihm und jedem anderen, der ein Kreuz auf der Brust trägt.

Wir sind auf der Flucht und werden es bleiben.
Solange unsere Welt aus den Fugen ist, müssen wir ihr fern bleiben und solange werden wir uns nach ihr sehnen und uns den Tag herbei wünschen, an dem wir zurück kehren können. Zurück nach Zerzura.

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